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Barrierefreiheit hilft uns allen – Interview mit Oliver Vaupel

21. Mai 2026

Lesezeit: 21 Minuten

Seit dem 28. Juni 2025 gilt in Deutschland das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. Auch in anderen europäischen Ländern gelten ähnliche Regelungen, die auf die EU-weite Vorgabe des European Accecibility Act zurück gehen. Auch für Veranstaltende und Shopbetreibende haben sich daraus verschiedene Anforderungen gegeben. Wir haben frühzeitig informiert und pretix im Thema Barrierefreiheit fit gemacht. Bei der Prüfung und Umsetzung der Verbesserungen hat uns Oliver Vaupel von ovau unterstützt. Oliver ist Experte für Barrierefreiheit im digitalen Raum, bietet selbst Schulungen und Beratung zum Thema an und hat hofft, dass die Wirtschaft im Hebel für mehr Teilhabe den Vorteil sieht, der sich dort versteckt. Eva aus unserem Marketing-Team hat sich mit Oliver über Barrierefreiheit digital wie vor Ort unterhalten.

Was ist das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz eigentlich?

Eva: Hallo Oliver, vielen Dank für deine Zeit. Letztes Jahr ist das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz in Kraft getreten. Das hört sich sehr nach einer Verpflichtung an und ist gleichzeitig eine schöne Wortkonstruktion. Wie würdest du das beschreiben?

Oliver: Erstmal: Danke für die Einladung. Ich sehe das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz als Verbraucherschutzgesetz. Es ist ein Gesetz, das gemacht wurde, um Verbraucher*innen in eine bessere Position zu bringen, zum Beispiel, wenn sie eine Website nicht bedienen oder nicht in einem Online-Shop einkaufen können. In der EU heißt die Vorlage „European Accecibility Act“, das klingt zumindest für Englischsprachige griffiger. Bei uns ist es das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz geworden.

Eva: Das finde ich eine ganz tolle Umschreibung. Wir schützen Verbrauchende, denen die Teilhabe ermöglicht werden soll. Manchmal fühlt sich das etwas sperrig an. Wen schützen wir denn damit? Es geht hier ja auch um die Vorstellung, wen ich, in unserem Fall mit meiner Veranstaltung, ansprechen möchte. Wer soll in meinem Shop buchen können? Ich glaube, manche Menschen unterschätzen, wie viele von so einem barrierefreien Shop profitieren. Es geht hier nicht nur um Menschen, die beispielsweise nichts sehen können. Hast du da ein griffiges Beispiel, damit Veranstaltende oder Verkaufende sich besser vorstellen können, für wen sie das machen?

Oliver: Das kann natürlich schon ganz klein oder banal anfangen, dass ich beispielsweise eine Website mit der Tastatur bedienen können muss. Es gibt Menschen, die können aus Gründen keine Maus benutzten, vielleicht haben sie auch „nur“ den rechten Arm gebrochen. Dann können Rechtshänder*innen die Maus nicht benutzen und mobile Geräte auch nicht mit dem Finger. Es ist wichtig, dass die komplette Seite, also alles, was ein Button ist, ein Eingabefeld, und so weiter, mit der Tastatur bedient werden kann. Da hat pretix auch schon richtig gut vorgearbeitet. Die Platzauswahl, also der kritische Moment, wenn ein Ticket in einem Saalplan gebucht wird, das ist eine optische Sache und ohnehin schon filigran. Da braucht es eine ruhige Hand, und wenn da die Tastatur genutzt werden kann, ist das ein Riesenvorteil. Das ist euch gelungen und ich hab danach noch etwas unterstützt. Ich fand es richtig gut, dass ihr so ein Interesse daran habt, das Thema zu lösen.

Der Trümmerhaufen muss weg

Eva: Du hast dir mit der Sitzplatzauswahl ja direkt ein Pro-Beispiel ausgesucht. Bei ganz vielen Expert*innen und Betroffenen, bei denen ich mir anhöre, wie wir die Welt barrierefreier machen können, gibt es sehr viele Horrorgeschichten zum Thema Sitzplatzbuchung. Angefangen bei barrierefreien Plätzen, die nur telefonisch gebucht werden können und dann ist auf der Hotline nie jemand zu erreichen oder auf E-Mails reagiert niemand. Du hast ein schönes vorübergehendes Beispiel gebracht für die Notwendigkeit eines barrierefreien Shops, mir fallen da noch mehr ein. Aber es gibt beim Thema Barrierefreiheit noch mehr, was ein Shop berücksichtigen muss, beispielsweise die Buchung von Rollstuhlplätzen oder der kostenfreien Begleitperson, die im Saal dann idealerweise auch in räumlicher Nähe zum Rollstuhlplatz sitzt. Da muss die barrierefreie Planung zum barrierefrei nutzbaren Shop passen. Das mitzudenken scheint gar nicht so selbstverständlich zu sein.

Oliver: Nee, ist es auch nicht. Wir haben das jahrelang wirklich ignoriert, weil wir immer nur darauf geachtet haben, dass es visuell funktioniert, gerade bei Webshops. Wir haben die ganzen anderen Nutzungsszenarien nie durchgespielt. Deswegen stehen wir, was das Thema angeht, vor einem Trümmerhaufen, müssen alles wieder aufräumen und darauf achten, dass die Nutzung für Menschen, die anders navigieren, möglich gemacht wird. Deswegen finde ich solche Gesetzesinitiativen eigentlich gut. Die Kritik, die dann sofort kommt, ist immer „noch mehr Bürokratie“. Aber die Bürokratie kommt daher, dass es vorher anscheinend keiner freiwillig gemacht hat. Nicht immer, aber oft.

Eva: Ich glaube auch gar nicht, dass immer ein böser Mutwille dahinter ist, sondern viel öfter ein „Das gehört nicht zu meiner Lebensrealität, daran denke ich nicht“. Mir begegnet das Thema Barrierefreiheit häufig auch bei der Frage nach Kontrasten. Wie müssen Kontraste dargestellt werden, damit das gut funktioniert? Ich habe hier eine Markenfarbe und will meinen Text drauf haben, der Kontrast passt aber nicht, um es gut lesbar zu machen. Oder wenn es um Hintergrundbilder oder Bewegtbilder geht. Das ist ein Thema, das auch für neurodivergente Menschen wichtig ist, für die Wahrnehmung eh schon komplexer ist. Es also gar nicht unbedingt um Menschen mit beispielsweise einer Sehschwäche, die dadurch eine Warnung nicht von einem Hinweis unterscheiden können. Das hat beides mit Darstellung zu tun, aber auch mit technischer Umsetzung. Alles, was ein Hintergrundbild oder Bewegtbild hat, das für verschiedene Bildschirmgrößen funktionieren soll, verlangt technisch einiges an Voraussetzungen. Für mich ist auch Teil des Themas „Barrierefreiheit“: Dass hier nicht nur die Folge ist, dass mehr Menschen die Angebote nutzen können, sondern dass auch mehr Menschen die Angebote flexibel auf verschiedenen Wegen nutzen können.

Oliver: Genau, es wird robuster und es tut keinem weh. Es wird einfach nur besser für alle. Einige Gestaltungs-Patterns müssen überdacht werden, aber am Ende wird es für alle noch besser funktionieren. Denn so wenige sind das gar nicht, die darauf angewiesen sind. 87 Millionen Menschen innerhalb der EU haben einen Schwerbehindertenausweis, und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Barrierefreiheit trifft in verschiedensten Situationen sehr, sehr viele von uns, wir nehmen es nur nicht als Hindernis war, sondern denken „Mist, die Sonne scheint aufs Display“ oder „Meine Augen werden auch nicht besser“. Im Prinzip stoßen wir damit auf Barrieren.

Barrierefreiheit ist besser für alle

Eva: Das ist ja schon eine Riesenzahl und „schwerbehindert“ klingt schnell nach vielen Problemen, die mit drin hängen. Aber „schwerbehindert“ bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Person eine mehrfache Behinderung und verschiedene Einschränkungen hat, die es schwierig machen, auf die Veranstaltung zu kommen. Das kann etwas “Kleineres” sein. Es scheitert nicht am Hingehen, sondern nur am Ticketkauf, am Bedienen des elektronischen Shops. Und wie viele Leute haben keinen Schwerbehindertenausweis, obwohl sie eine Behinderung, chronische Erkrankung oder eine sporadische Einschränkung haben? Das hast du eben schon richtig angedeutet. Die Frage ist also: Wie vielen Leuten passiert es nie im Leben, dass sie auf eine Barrierefreiheit brauchen werden?

Eine Tastatur mit drei hell-violetten Tasten, die verschiedene Symbole für Barrierefreiheit zeigen. Links ein Symbol für eine Person mit Rollstuhl, in der Mitte ein Symbol für eine Höreinschränkung und rechts ein Symbol für eine Person mit Stock.

Oliver: Ja, und im Alter sind viele nochmal mehr darauf angewiesen. Ich glaube, es ist ein Riesenvorteil für uns alle, wenn wir uns daran halten und lernen, damit umzugehen. Es wird auch langsam besser, jetzt, wo das Thema die Wirtschaft erreicht hat. Ich habe auch die Hoffnung, dass die Forderung nach Barrierefreiheit dort mit mehr Nachdruck geschieht. Wir haben den Prozess im öffentlichen Bereich schon länger, aber dort passiert alles sehr langsam. Behörden sind manchmal sehr nachsichtig mit sich selbst.

Eva: Die Umsetzung ist definitiv ein Prozess, der auch nicht einschleifen darf. Natürlich werfen gewisse globale Geschehnisse, die uns aktuell begleiten, auch einen Schatten auf diesen Fortschritt. Barrierefreiheit heißt ja: Mehr Leute haben die Möglichkeit zur Teilhabe und können den Shop benutzen oder auch nur einfacher benutzen. Für Veranstaltende bedeutet das, dass sie weniger Individualsupport leisten müssen, weil vieles automatisiert und besser funktioniert. Aber es bedeutet auch, dass die Zielgruppe wächst und Veranstaltende sich spezialisierter aufstellen und neue Formate entwickeln können.

Oliver: Gerade der Support ist ein unheimlich wichtiges Thema, auch fürs Budget. Wenn Menschen anrufen und sagen: „ich kann mein Adressfeld nicht finden“, dann ist das Supportzeit, die die Telefone blockiert. Oft liegt das daran, dass die Darstellung im Shop zu hell ist, oder vielleicht der Tastaturfokus fehlt. Dann können die Kaufenden nicht erkennen, ob sie auf dem richtigen Feld sind.

Eva: Das ist das eine, aber am Ende haben alle Leute einfach Vorteile beim Thema Barrierefreiheit. Natürlich die Menschen, die es betrifft, die den Shop dann überhaupt nutzen oder besser nutzen können. Aber auch die Shopbetreibenden selbst, weil sie mehr Leute erreichen und Ressourcen an anderen Stellen sparen. Wenn die Dinge einmal umgesetzt sind, wenn auf den Fokus, auf die Bedienbarkeit, auf die Kontraste, usw. geachtet wurde und alles funktioniert, benötigt das keine permanente Betreuung oder zusätzlicher Support. Sondern vor allem dann, wenn Regularien geändert werden. Es kann schon sein, dass je nach Shop oder Veranstaltung diese Umsetzung für das Event selbst wirklich wichtig ist. Es gibt ja auch Veranstaltungen, bei denen es um Barrierefreiheit geht und deren direkte Zielgruppe Betroffene sind. Wenn ein Ticketshop für ein Event zum Thema „Barrierefreiheit“ schon nicht barrierefrei ist, ist das schon ein bisschen bezeichnend für den Stellenwert, den das Thema lange bekommen hat.

Auf dem Weg zu weniger Barrieren

Oliver: Wir haben da echt einiges nachzuholen. Gerade auch Veranstaltende, die sich mit „Barrierefreiheit“ beschäftigen, haben das Problem, dass sie schauen müssen, was sie für das Ticketing einsetzen. Die wenigsten haben ein eigenes Buchungssystem und sind auf einen Anbieter angewiesen. Es ist auch so, dass von Zeit zu Zeit immer geprüft werden muss, ob die Barrierefreiheit im Shop noch gegeben ist. Redakteur*innen verändern vielleicht den Content, es gibt neue Veranstaltungen, die Farben wurden angepasst, usw. Ein bisschen Monitoring für die Barrierefreiheit des Shops ist schon nötig, aber das lässt sich managen. An dieser Stelle noch ein Hinweis: Es gibt viele Dienstleistende auf dem Markt, die gerade versuchen, mit allen möglichen Geschäftsideen, das Thema „Barrierefreiheit“ abzudecken und für sich zu nutzen. Eine dieser Ideen ist ein Widget, das auf die Website gebaut werden kann. Das ist einfach ein kleiner Knopf mit dem Versprechen, damit wäre die Seite mit einem Klick barrierefrei. Dem ist nicht so. pretix kann bestätigen, dass die Prüfung und Umsetzung ein Prozess ist, der etwas länger dauert. Da muss sich schon ein paar Monate mit beschäftigt werden, wirklich geprüft werden, wie die Prozesse und Klickstrecken etc. sind. Das kann ein kleines Widget nicht lösen.

Eva: Absolut. Das sehen wir auch aktuell an anderer Stelle. Wir sind gerade dabei, unsere Automaten-Software, pretixKIOSK, so zu gestalten, dass sie auch für Menschen, die nicht sehen können, einfach nutzbar ist. Gehen wir mal nicht nur davon aus, dass da eine blinde Person ist, oder eine Person mit großer Sehschwäche, die die Brille nicht dabei hat. Vielleicht strahlt aber auch nur das Gegenlicht so, dass nichts zu erkennen ist, oder am Bildschirm ist etwas kaputt, aber das Programm funktioniert noch. Dann hilft diese Verbesserung ja auch. Da entdecken wir Kleinigkeiten und Prozesse, Schritte die uns durchrutschen, obwohl wir schon viel mitdenken und uns in Situationen versetzten. Das geht aber nicht vollkommen, wenn ich nicht selbst betroffen bin. Deswegen ist es für uns immer wieder spannend, Rückmeldungen von Betroffenen zu bekommen und unsere Programme besser zu machen, damit sie von mehr Menschen genutzt werden können. Du hast mit pretix und unseren Entwickler*innen ja eng beim Thema „wie kann ein barrierefreier Shop erstellt werden, was bietet pretix da an, wo müssen wir noch ansetzen“ zusammengearbeitet. Wir haben in unserer Dokumentation einen Artikel, was alles dazu gehört. Wie war das für dich?

Oliver: Ich fand die Zusammenarbeit super. Ihr habt ein tolles Team und ich habe gemerkt, dass euch Barrierefreiheit auch wichtig ist. Ich kenne auch andere Situationen, in denen ich gegen Compliance arbeiten und mich am Rand der Legalität abarbeiten muss. Das wird dann schnell anstrengend. Bei euch war das nicht der Fall. Wir haben zusammen versucht, das Bestmöglichste rauszuholen. Sicher gibt es in jeder Software auch Legacy-Sachen, die schon lange so gemacht wurden und die nicht so einfach wieder raus zu bekommen sind. Aber ich finde, wir haben für alles Wichtige gute Lösungen gefunden. Eine maßgebliche Regelung in der EU-Norm ist beispielsweise, dass eine zeitliche Beschränkung im Bestellvorgang verschoben werden kann. Das ist dann beispielsweise entscheidend, wenn eine Person nicht so schnell mit der Maus ist oder stark zitternde Hände hat. Beim Ticketverkauf gibt es aber eine Zeitgrenze, damit niemand ewig ein Ticket blockieren kann. Wir haben uns dann zusammen überlegen, wie wir trotzdem die Regel einhalten können. Das ist großartig. Jetzt kann in pretix so diese Zeitbegrenzung im Bestellvorgang mit einem Klick verlängert werden und das ist eine super Sache.

Eva: Das ist an der Stelle genau der Kompromiss für den Fall, dass noch jemand dabei ist, sich ein Ticket zu klicken, aber aus dem ein oder anderen Grund länger braucht, aber jemand anderes hat das Fenster schon vergessen und es ergibt keinen Sinn mehr, darauf zu warten, dass die Person die Buchung fortsetzt. Das ist ein ganz guter Mittelweg. Das ist auch ein Punkt, bei dem ich als Mitarbeiterin, so beeindruckt bin. Dieses Entwicklungsteam überlegt, wenn etwas nicht möglich ist, was der Grund und das Bedürfnis dahinter ist. Sobald sie sehen, dass es eine Relevanz gibt, wird geschaut, wie es umgesetzt werden kann. Natürlich gibt es Dinge, die länger dauern, weil sie sehr komplex sind und viel Um- oder Neuprogrammierung brauchen. Bei anderen ist es sehr einfach, zu sagen: „Okay, da machen wir einen Schalter rein, damit die Leute die Warenkorbsitzung verlängern können.“ Das ist generell sehr angenehm für alle, die mit Kund*innen arbeiten, aber auch dann, wenn wir Fragen haben. Wir wissen, dass das Team sich damit auseinander setzt, überlegt und prüft, ob es eine Ecke gibt, um die wir denken können, oder ob es sogar einen geraden Weg gibt.

Neue Perspektiven

Oliver: Ja, und es ist eine tolle Gelegenheit, die eigene Software aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Das finde ich auch gut, denn Vieles wird irgendwann nicht mehr hinterfragt. An der Stelle finde ich es auch wichtig, mit Menschen, die eine Behinderung haben, die Seite immer wieder durchzugehen und kleine Verbesserungen einzubauen. Vieles, was die Testpersonen finden, ist individuell, aber mit dem Hintergrund der EU-Norm können solche Rückmeldungen auch eingeordnet werden. Das hilft, zu entscheiden, ob die Platzauswahl doch noch verbessert werden soll und ein tolles Feature entwickelt werden muss. So stelle ich mir vor, dass Barrierefreiheit von der Pflicht zu einer interessanten Aufgabe wird.

Eva: Wir haben uns ja auch nicht erst mit Thema Barrierefreiheit angefangen zu beschäftigen, als wir gewusst haben, dass eine Gesetzesvorlage auf dem Weg ist. Wir haben auch vorher geschaut, wo es sinnvolle Ansatzpunkte gibt. Trotzdem war es für uns ein spannendes Erlebnis, mit dir zusammen zu arbeiten und konkrete Punkte anzugehen, die wir als Laien nicht mitgedacht haben, obwohl wir schon verschiedene Blickwinkel zusammengetragen haben. Es ist immer nochmal etwas komplett anderes, ob jemand so etwas testet, der sich damit auskennt und auf Kleinigkeiten achten kann. So eine Art Sensitivity Testing, analog zum Sensitivity Reading aus der Literatur zum Beispiel, um herauszufinden, wo große oder feine Punkte sind, um dieses pretix noch flexibler zu machen. Flexibler auch im Sinne von „für mehr Menschen zugänglich“. Wenn du zurück denkst, wie war deine Einschätzung, als du zum ersten Mal pretix gesehen hast.

Oliver: Der erste Eindruck war nicht so schlecht, das stimmt. Ihr hattet vorher schon eine Runde gedreht und das hilft mir auch, denn dann muss ich nicht ganz vorne anfangen. Aber trotzdem ist natürlich jede Ticketing- oder Shopsoftware unglaublich komplex, weil so viele Features und Klickstrecken existieren, sodass abgewogen werden muss, worauf sich fokussiert wird. Wir haben uns schließlich gemeinsam auf die relevanten Klickstrecken geeinigt. Mein erster Eindruck war auf jeden Fall: „Das können wir hinbekommen“. Es war eine gute Basis und das Team hat auch gestimmt. Wenn die Software toll ist, aber immer alles abgeblockt wird, ist es schwierig, durchzudringen.

Eva: Auf jeden Fall. Wenn du einer Person, die eine Website oder einen Shop hat, und sich jetzt erst mit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz beschäftigt, etwas raten könntest, welche drei Tipps wären das?

Oliver: Wenn die Person Seite oder Shop neu machen möchte, würde ich raten, sich sofort um jemanden zu bemühen, der Barrierefreiheit mitdenkt. Dann muss im Nachhinein nichts repariert werden. Design und Entwicklung wissen Bescheid, und es kann direkt eine ideale Umsetzung passieren. Wenn schon Seite oder Shop da sind, sollte zumindest ein kleiner Selbsttest passieren. Also einmal schauen, ob ich mit der Tastatur überall hinkomme. Kann ich sehen, wo ich bin, gibt es einen visuellen Tastaturstatus und Hervorhebungen? Eine erste Einschätzung der Kontraste ist wichtig. Ist alles gut zu lesen? Dann würde ich alles heranzoomen und schauen, wie es dann aussieht. Wenn alles stimmt sind die Chancen nicht schlecht, dass mit der Lösung gearbeitet werden kann. Der häufigste Fehler ist – weil er automatisch auch so gut messbar ist – der fehlende Alternativtext für Bilder. Da sollten sich Websiteredakteur*innen von vorne herein diszipliniere, für jedes informatives Bild auch einen Text zu schreiben.

Eine Steinwand, auf der ein metallener Knopf installiert ist. Auf dem Knopf ist violett ein Symbol für eine Person mit Rollstuhl und dem Text "Push to open"

Eva: Das ist ein Thema, das mich auf Social Media begleitet. Von „es gibt überhaupt Felder, um einen Alternativtext einzutragen“ bis hin zu „wie kann so ein Text sinnvoll aufgebaut sein“. Das ist kein Raum für einen zusätzlichen Werbetext, sondern soll wirklich nur beschreiben, was auf dem Bild zu sehen ist. Auf Social Media gehört dazu, was eine sehende Person oft mit dem ersten Blick erfassen kann: ist das ein Werbepost, ist das ein Infopost, ist das ein privates Foto, … Es kann antrainiert werden, das immer zu machen. Ein anderer Fall sind ordentliche Untertitel für Videos. Gerade bei Markennamen werden KI- oder Bot-generierte Untertitel oft fehlerhaft, weil Dinge falsch transkribiert werden oder fehlen. Es dauert vielleicht, bis ich mich dran gewöhnt habe, das immer zu machen. Es dauert, bis ich weiß, wie ich das richtig mache. Gerade bei langen Videos dauert es auch, das gut zu transkribieren oder ein automatisches Transkript zu prüfen. Ich finde schon, das ist etwas, das Pflicht sein sollte, wenn Bilder im digitalen Raum verwendet werden, ohne reine Dekoration zu sein.

Oliver: Momentan kämpfen wir ja mit Altlasten, also Bildern, die jahrelang nicht gepflegt wurden. Besser es gibt einen schlechten Alternativtext, als gar keinen. Ich stell mir immer vor, ich müsste jemandem am Telefon erklären, was auf dem Bild ist. Möglichst einfach auf das bezogen, was ich mit dem Bild sagen wollte. Bei zeitbasierten Medien, bei Audio und Video geht es um Untertitel, aber auch um Transkripte, in denen auch die optische Ebene, also was im Video passiert, aufgeschrieben ist. Ich kann aktuell leider visuelle Handlungen noch nicht automatisch wiedergeben. Darum muss ich mich hinsetzen und ein Video mit einer Tanzvorführung oder einer Szene ohne Sprechteil im Transkript beschreiben.

Barrierefreiheit muss Gewohnheit werden

Eva: Ja, das hat auch etwas mit Gewohnheit zu tun, ist aber etwas, was nicht nur die Zielgruppe generell vergrößert, sondern auch für die bisherige Zielgruppe die Teilhabe flexibler macht. Gerade bei Videos und Social Media sind ordentliche Untertitel auch für die Nutzung ohne Ton, beispielsweise im Zug, essentiell. Ähnlich bei einer Website, bei der es schnell passieren kann, dass die Darstellung nicht funktioniert, aber der Alternativtext gelesen werden kann. Es ist also auch ein Schutz vor dem Fall, dass etwas an meiner Website kaputt ist, die Inhalte aber noch erfasst und die Seite genutzt werden kann. Das ist wieder gut investierte Zeit.

Oliver: Mir fällt dazu noch das Thema „Podcast“ ein. Ich möchte nicht immer den ganzen Podcast hören, schaue aber gerne ins Transkript rein und entscheide dann, ob ich doch reinhöre oder reinschaue. Das sind Nutzeffekte, die wir zusätzlich bekommen. Es ist immer gut, seinen Content in mehrfacher Form wiederzugeben. Das ist wichtig für Suchmaschinen, aber beispielsweise auch für KI, die von Menschen benutzt wird. Apropos KI: Barrierefreiheit durch KI auf Knopfdruck ist noch nicht möglich, da passieren Fehler. Gleichzeitig gibt es erste Tests, wie KI Betroffenen helfen kann. Beispielsweise gibt es Fälle, in denen KI genutzt wird, um nicht barrierefreie Websites trotzdem nutzen zu können. Das ist super, aber die Intention muss dabei noch vom Nutzenden ausgehen. Als Betreiber*in darf ich mich darauf nicht verlassen oder ausruhen.

Eva: Oft biegt eine KI bei solchen Anwendungsfällen auch falsch ab. Es ist super, dass diese Möglichkeiten da sind, aber eine der Seiten muss die KI trainieren. Das Nutzende machen zu lassen, die keinen Zugang haben, ist wie einem Grundschulkind zu sagen: „Schreib mal ein Buch über’s Schreiben“ – das funktioniert nur bis zu einem gewissen Grad und bricht dann stark ab. Bis hierhin haben wir viel über Barrierefreiheit im digitalen Raum geredet. Aber auch zu Veranstaltungen, die nicht im digitalen Raum stattfinden, gehört Barrierefreiheit dazu. Das ist meiner Meinung ein Punkt, bei dem Veranstaltende nochmal ansetzen müssen. Hier haben kleine Schritte schon viel Wert. Letztes Jahr gab es Schlagzeilen, weil auf Festivals Menstruationszelte eingerichtet oder bei Veranstaltungen Ruhebereiche für neurodivergente Menschen geschaffen wurden. Das macht Schlagzeilen, weil es noch nicht selbstverständlich ist, dass es dezidierte Bereiche für Menschen gibt, die teilnehmen wollen und auf solche Möglichkeiten angewiesen sind. Das hat auch etwas mit Barrierefreiheit zu tun.

Oliver: Ja unbedingt! Das ist eine Maßnahme zur Barrierefreiheit, genauso wie Rampen für Rollstühle, gekennzeichnete Treppenstufen und Wege, Mikrofone in Veranstaltungssälen, usw. Also genau das, was früher so cool war: „Ach wir können das auch ohne Mikro, ist ja viel besser so.“ Ich möchte aber auch nicht die Person sein, die sagt: „Entschuldige, ich verstehe nichts, können Sie bitte Ihr Mikro anmachen.“ Veranstaltende sollten lieber vorauseilend sein und überall Mikros bereitstellen. Hörschleifen für Menschen mit Hörgeräten sind leider noch nicht so verbreitet, sollten aber dort, wo sie möglich sind, unbedingt angeboten werden. Genauso ist es wichtig, darüber nachzudenken, wo die Person steht, die spricht? Spricht sie ins Dunkle hinein, sodass das Gesicht nicht gesehen werden kann? Das ist schwierig zum Lippenlesen. Dafür gibt es Check-Listen und es ist sehr spannend, sich damit zu beschäftigen. Es ist leicht zu merken, mit welchen Kleinigkeiten Zugänglichkeiten geschaffen werden können.

Bewusstsein für Barrieren

Eva: Wir waren im Januar auf einer Messe, der boe international, und dort wurden die Talks auf der Bühne auf Kopfhörer übertragen. Natürlich wurden Mikrofone genutzt, aber für alle Teilnehmenden, für die es zu laut war, oder die sich besser konzentrieren wollten, gab es Lösungen. Es gab auch eine KI-basierte Übersetzung mit anderen Kopfhörern. Natürlich kann ich auch ausgebildete Übersetzer*innen hinstellen oder andere Tools nutzen, auch für Transkripte. Ich muss gerade auch an Pressekonferenzen denken, bei denen es noch keine Gebärdendolmetschende gibt. Auch bei Konzerten werden die teilweise schon eingesetzt und helfen bei der Teilhabe. Es ist also eine mehr oder weniger bewusste Entscheidung, sich nicht mit Barrierefreiheit auseinanderzusetzen und keine Kapazitäten dafür frei zu machen. Wir können alle noch wesentlich besser darin werden, danach zu fragen und es als selbstverständlich zu verstehen, und nicht einfach zu applaudieren, wenn es mal passiert.

Oliver: Ja, bei Veranstaltungen finde ich es auch wichtig, das nicht als Feature zu betrachten, sondern als Selbstverständlichkeit. Da müssen wir hin.

Eva: Das ist ein ganz wichtiger Punkt, das ist uns allen bewusst. Wir haben eben so viele Beispiele angesprochen, wie oft Menschen situationsabhängig behindert werden zusätzlich zu denen, die permanent behindert werden, weil die Gesellschaft es eben nicht selbstverständlich sieht. Bei Einlasssituationen geht es dann um Rampen oder Möglichkeiten für Menschen, die nicht hoch greifen können. Eine Lösung sind zusätzliche Handgeräte, damit auch in solche Situationen schnell und unkompliziert das Ticket eingescannt werden kann. Das bleibt ein Randthema, solange nicht mehr Menschen protestieren mit dem Bewusstsein, dass es ihnen schnell genauso gehen kann. Selbst, wenn nicht, sind alle betroffene Personen Teil der Gesellschaft und haben es verdient, überall mitmachen zu können. Solange Menschen, die es nicht betrifft, einfach nur mit der Schulter zucken oder nichts machen, bleibt es ein Kampf. Wie viel Barrierefreiheit können wir umsetzen oder brauchen wir einfach noch mehr Barrierefreiheitsstärkungsgesetze, damit sie durchgesetzt wird?

Oliver: Da gibt es aktuell die nächste Diskussion zum Behindertengleichstellungsgesetz, an dem kräftig geschraubt wird. Wir müssen aber nicht warten bis die Gesetze kommen. Wir können uns vor Augen führen, dass die Gesellschaft unterschiedlich divers ist und wir Sorge tragen müssen, das alle mitkommen. Wir haben die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben und wollen sie umsetzen, da müssen wir nicht auf Gesetze warten.

Eva: Mache Dinge sind auch ganz einfach umzusetzen, unabhängig von einem Anbieter, mit dem ich einen barrierefreien Ticketshop einrichten kann. Ich kann aber auch Kleinigkeiten leicht integrieren. Als Veranstalter*in kann ich nachfragen, welche Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Präferenzen fürs Catering wichtig sind. Damit nicht jemand dasitzt und gerne dabei ist, aber woanders hinfahren und sich Essen besorgen muss, weil die Veranstaltung nichts passendes anbieten kann. Oder in Social Media und auf Websites sich die Zeit zu nehmen und den Alternativtext und die Untertitel zu schreiben. Das hilft auch dem Algorithmus, weil die Beiträge besser gescannt werden können. Dadurch wächst also die Reichweite. Sich um Barrierefreiheit zu kümmern ist oft auf mehreren Ebenen von Vorteil. Barrierefreiheit bedeutet nicht nur, dass ich das Event öffne und mehr Menschen kommen können. Das allein ist richtig toll. Aber daneben gibt es noch so viele andere Vorteile. Ich verstehe nicht, warum das nicht mehr Leute umsetzen. Wird das nicht richtig verkauft? Wollen die Leute das aktiv nicht? Wissen sie es einfach nicht? Dann hat das etwas mit Aufklärung zu tun.

Oliver: Ich bin wirklich gespannt, wie sich das Thema in der Wirtschaft weiter entwickelt. Denn wenn es da Erfolg gibt, wird das verkündet. In den USA sind die Firmen trotz der aktuellen Regierung weiter als in Europa. Dort gibt es ein Markt für das Thema “Barrierefreiheit” und ein Bewusstsein, dass Menschen mit Behinderung auch eine Kaufkraft besitzen und deren Familien erst recht. Dass Familienmitglieder auch darauf achten und dann lieber in den barrierefreien Shops einkaufen.

Barrierefreiheit und Wirtschaft

Eva: Wir haben vorhin schon von der Spitze des Eisbergs gesprochen, da waren wir noch bei den direkt betroffenen Menschen. Jetzt sind wir bei der großen Gruppe der Menschen angekommen, die nicht direkt selbst betroffen sind, aber eine sehr große Solidarität mitbringen. Die dann gezielt in bestimmten Läden einkaufen, Rampen aus Legosteinen bauen oder neue Lösungsansätze selbst entwickeln. Das sind sehr viele Menschen. Am Schluss sind wir natürlich bei einer wirtschaftlichen Kaufkraft und bei einer relevanten Zielgruppenerweiterung für Veranstaltende. Das sage ich, ohne von der gesellschaftlichen Relevanz und der Überzeugung für eine diverse Gesellschaft abweichen zu müssen. Das geht in dem Fall Hand in Hand. Die Entscheidung, Barrierefreiheit nicht umzusetzen, ist dann schon keine wirtschaftliche mehr.

Oliver: Definitiv, das würde ich auch so sehen. Wir geben so viel Geld für Dinge aus, von denen wir denken, es wären wirtschaftliche Entscheidungen: SEO, Suchmaschinenoptimierung, Werbung an sich, das kostet alles richtig viel. Vielleicht sollten wir versuchen, mit anderen Maßnahmen, zum Beispiel mit einem zugänglicheren Webshop, mehr Verkäufe zu generieren. Das könnte eine Lösung. Ich hoffe, wir werden davon erfahren, wenn Leute davon berichten.

Eva: Das hoffe ich auch. Das ist immer das Schöne, wenn Leute darüber reden. Wenn sie sagen: „Hey, ich hatte eben ein tolles Erlebnis. Ich wollte ein Ticket kaufen und dachte, das wird schwierig. Aber nein! Geklickt, Warenkorb, fertig und ich konnte das alles selbst machen.“ Dieses Empowerment finde ich persönlich wichtig. Ich weiß, das ist möglich und ich weiß, dazu haben wir hier bei pretix auch beigetragen. Das ist aus meiner Perspektive etwas sehr Positives. Es geht in eine Richtung und wir alle können mit entscheiden, in welche. Ja, da steht eine Regularie dahinter. Das heißt aber nicht, dass wir nicht individuell daran interessiert sind, weil wir glauben, es ist etwas Gutes, das richtig und ordentlich umzusetzen. Wir haben uns ins Zeug gelegt und lassen das Thema Barrierefreiheit auch weiterhin nicht los. Ich hätte aber noch eine Frage zum Abschluss. Wenn du dir etwas Wünschen könntest, das im großen Feld Barrierefreiheit in den nächsten fünf Jahren umgesetzt worden sein sollte, was wäre das?

Oliver: Im großen Feld wünsche ich mir das sowieso, aber in meinem kleinen Feld der Web-Barrierefreiheit wünsche ich mir, dass wir in fünf Jahren ein gewisses Maß an Normalität erreicht haben. Dass ich keine Website mehr anschauen muss und denke: „Ach, herrje, wo fange ich an?“ Sondern dass ich mich auf einige wichtige Dinge konzentrieren kann, die noch verbessert werden können. Ich wünsche mir, dass wir in fünf Jahren ein gewisses Niveau erreicht haben. Ich wünsche mir, dass sich die Kultur, beispielsweise im Bereich Design, ändert, dass mehr drauf geachtet wird, Barrierefreiheit von vorne herein mit zu denken, und Ideen dazu weiter entwickelt werden.

Dr. Eva-Maria Obermann

Spielt gerne mit Worten und hilft wo es geht. Eva ist Marketingperson und Supportmensch in einem, steckt hinter unseren Social Media Kanälen und ist immer für unsere Kund*innen da. Abseits von pretix begeistert Eva sich für Literatur, Diversität und großartige Events.

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