pretix

Wie geht's Dir, Eventbranche? Wie sich aktuelle Krisen auswirken [Teil 1/2]

23. Juli 2026

Lesezeit: 10 Minuten

Die Eventbranche ächzt. Sie beklagt sich über massive Einbrüche bei den Ticketverkäufen. Vor allem der “Mittelbau” der Branche, wie Clubs und kleinere bis mittlere Festivals, spürt das deutlich: Immer mehr Konzerte und Festivals werden abgesagt, weil die Ticketverkäufe nicht ansatzweise die Erwartungen erfüllen und die Kosten decken könnten. Aber woran liegt das?

Seit Jahren jagt eine Krisenschlagzeile die nächste, und mit den Entwicklungen der letzten Monate scheint es noch schlimmer zu kommen. Handelskriege und eine stagnierende Wirtschaft. Energie-Krise. Regierungschefs, die die Weltordnung, wie wir sie kennen, auf den Kopf stellen und mit dem Weltfrieden zündeln. Kriege in Europa und im nahen Osten. Die Weltuntergangsuhr steht 2026 auf 85 Sekunden vor 12. Seit dem Zweiten Weltkrieg standen wir nicht mehr so nah vor einem Atomkrieg wie jetzt.

In Deutschland spüren wir die Auswirkungen dieser Gesamtlage nicht durch Bomben. Dafür mit gestiegenen Preisen und nur schleppend steigenden Löhnen; mit Gesetzesänderungen, die die Arbeiterrechte und den Sozialstaat angreifen; und nicht zuletzt mit deutlich gestiegenen Spritpreisen.

Zudem hat eine andere Krise immer noch Aus- und Nachwirkungen in nahezu allen Bereichen: Corona. Die Pandemie hat Kauf- und Freizeitverhalten verändert, was auch in der Eventbranche zu spüren ist.

Ängste und Unsicherheiten prägen, bewusst oder unbewusst, den Alltag. Ausgaben werden gezielter und zögerlicher getätigt. Auch der Bund plant, 2027 die Mittel für Kultur wieder zu kürzen, nachdem sich Bundeskultusminister Weimer im Mai auf der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes in Münster noch mit dem für 2026 deutlich erhöhten Kultur-Etat gebrüstet hatte.

Die Vielfalt der Eventbranche und der Kulturlandschaft scheint derzeit durch mehrere Faktoren und Krisen gefährdet.

Doch dann erklärte uns die Feuer-Nation die Corona-Pandemie den Krieg und alles änderte sich

Blaue Papierschnipsel, auf einem steht in rot "Covid 19"

Eine Krise wird nach wie vor in allen erdenklichen Zusammenhängen genannt: Die Corona-Pandemie. Und ihre Schatten sind lang. So war es damals gang und gäbe, dass kurzfristig Veranstaltungen abgesagt und Kulturinstitutionen wie Museen und Theater schließen mussten. Das wirkte sich so sehr auf das Kaufverhalten aus, dass es inzwischen normal ist, Tickets eher kurz vor der Veranstaltung zu kaufen statt Monate im Voraus. Das bestätigt auch Vera Allmanritter, Leiterin des Instituts für Kulturelle Teilhabeforschung, in einem Beitrag vom NDR: “Durch sehr kurzfristige Absagen von Veranstaltungen in der Corona-Zeit hat sich inzwischen ein sehr kurzfristiges Ticket-Buchungsverhalten etabliert."

Das veränderte Ticketkaufverhalten ist nicht das einzige Relikt aus Corona-Zeiten, das die Veranstaltungsbranche derzeit spürt.

Als während Corona so viele Kultureinrichtungen schließen und Events abgesagt werden mussten, kämpfte die gesamte Eventbranche ums Überleben. Und während Künstler*innen noch ein wenig Aufmerksamkeit für ihre Misere bekamen, blieben die Arbeitskräfte hinter den Kulissen genauso unsichtbar wie sonst auch. Viele von ihnen kehrten der Veranstaltungsbranche den Rücken und kamen auch nach Ende der Pandemie nicht zurück. Die Folge: Personal wie Tontechniker*innen, Bühnenbauer*innen, Security wird teurer. Ein Kostenfaktor, der sich wie viele andere in den Ticketpreisen niederschlägt. Hohe Ticketpreise wiederum stärken den Effekt des kurzfristigen Ticketkaufverhaltens.

Mit dem Entwurf des Bundeshaushaltes für 2027 verschärft sich dieser Punkt noch weiter: Der Entwurf sieht eine Kürzung des Etats des Bundesministeriums für Kultur und Medien auf 2,36 Milliarden Euro vor. Das trifft laut einem Artikel der Zeit vor allem die Filmbranche, die Förderung der Popmusik und die Initiative Musik. Der Etat des Festival-Förder-Fonds werde sogar halbiert. Eine der Folgen: Minijobs, über die bisher z.B. Security angestellt werden konnten, fallen weg und die Personalkosten steigen erneut. Ab einem gewissen Punkt - und dieser ist damit vielerorts erreicht - können die steigenden Produktionskosten aber nicht mehr auf die Tickets umgelagert werden. Die Veranstaltungen tragen sich nicht mehr und müssen ganz abgesagt werden.

Die Auswirkungen der Kriege in Ukraine, Palästina und Iran

2022 überfiel Russland die Ukraine, 2023 löste ein Terroranschlag der Hamas den aktuellen Krieg zwischen Israel und der Hamas in Palästina aus, 2026 griffen Israel und die USA den Iran an.

Je näher Kriege geografisch sind, desto beängstigender sind sie. Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hat die Angst vor Krieg auf deutschem Boden deutlich verstärkt, vor allem bei Jugendlichen hat sie sich fast verdoppelt: Während 2019 laut der Shell-Jugendstudie 46% der Jugendlichen Angst vor Krieg auf europäischem Boden haben, waren es 2024 bereits 81%. Insgesamt ist diese Angst derzeit die zweitstärkste in der deutschen Bevölkerung.

Wie ernst die Bedrohung genommen wird, zeigt sich in der vielfach kritisierten Entscheidung der Bundesregierung, die Schuldenbremse für Aufrüstung, im Koalitionspapier “Verteidigungs- und Sicherheitsausgaben” genannt, zu lockern. Diese Ausgaben, so wichtig sie sein mögen, fehlen an anderer Stelle, um der größten Angst der Deutschen entgegenzuwirken: der vor Armut und sozialer Ungleichheit.

Ängste und Unsicherheiten schlagen sich früher oder später im Konsumverhalten nieder. Gerade wenn noch Finanzkrisen oder eine hohe Inflation wie vor einigen Jahren hinzukommen, schwindet nicht nur die Kaufkraft, sondern auch der Wille, Geld auszugeben. Lieber wird für eventuell anstehende harte Zeiten gespart, statt sich Luxusgüter, Markenprodukte im Supermarkt oder teure Freizeitaktivitäten zu gönnen. Das spürt irgendwann auch die Eventbranche, deren Produktionskosten in den letzten Jahren förmlich explodiert sind.

Die Krise an der Zapfsäule und in der Steckdose

Drei Strommasten heben sich schwarz vor einem blau-orangenem Himmel ab

Die Energiepreise, die während Corona anstiegen und durch den Angriffs Russlands auf die Ukraine verschärft wurden, hatten sich endlich langfristig stabilisiert, als die USA 2026 zusammen mit Israel den Iran angriffen und die nächste schwere Energiekrise auslösten. Die Straße von Hormus war über Monate gesperrt, was weltweit zu einer Verknappung von fossilen Energiestoffen führte. In Deutschland merken Verbraucher*innen das bis heute an den Tankstellen: Die Straße von Hormus ist nach wie vor Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen, und die Spritpreise schwanken tlw. um 40 Cent pro Tag, und weniger als 2,00 € pro Liter sieht man selten an den Zapfsäulen. Auch Gas- und Strompreise sind an den Energiebörsen deutlich gestiegen: Gas um 75%, Strom immerhin um 25%. Für 2027 werden weitere Preissteigerungen erwartet.

Auf die Eventbranche hat diese Energiekrise auf verschiedenen Ebenen Auswirkungen. Hohe Gas- und Stromkosten bedeuten höhere Strompauschalen bei Veranstaltungsorten wie Messen und Konzerthallen, um die gestiegenen Energiekosten auszugleichen. Diese Erhöhungen werden in der Regel direkt auf die Ticketpreise der Besucher*innen umgelegt.

Und nicht nur die Transportkosten in den Lieferketten, z.B. für Catering, steigen. Wer Konzerte veranstaltet und Bands touren lässt, muss deutlich mehr Budget für Sprit veranschlagen. Sprich: Veranstalten an sich wird teurer. Laut dem Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft sind die Produktionskosten seit Corona um 50% gestiegen. Das liegt nicht ausschließlich an der Energiekrise, aber sie macht einen nicht zu vernachlässigenden Faktor aus.

Wirtschaft, Löhne und die theoretische Kaufkraft

zwei Hände halten einen Fächer aus 50 €, 100 € und 200 € Scheinen

Die Energie- und Spritpreise sind nicht die einzigen Gründe, warum den Menschen weniger Geld für Freizeitaktivitäten zur Verfügung steht.

Der Überfall Russlands auf die Ukraine Anfang 2022 markiert den Start eines rasanten Anstiegs der Lebensmittelpreise. Gleichzeitig stieg die Inflation 2022 auf 6,9 % bzw. 2023 auf 5,9 %, was die Preissituation in allen Bereichen verschärfte. Dass schlechte Ernten mal ein Jahr für höhere Preise bestimmter Produkte sorgen wie Olivenöl 2023 und 2024, oder Orangensaft 2025, ist normal. Inzwischen zahlen laut Panorama “die Deutschen […] heute 37,7% mehr für ihren Einkauf als 2020”, als über ein Drittel mehr.

Zwar ist die Inflationsrate laut statistischem Bundesamt mit 2,3 % wieder im Normbereich, und auch die Löhne steigen seit 2023 wieder. Die Preise von Lebensmitteln, Mieten, ÖPNV, und Strom sind aber nicht auf das Vorkrisenniveau zurückgegangen. Die gestiegenen Löhne gleichen derzeit also zunächst nur die Löcher aus, die in den Jahren zuvor von der Inflation in die Haushaltskassen gerissen wurden. Betroffen von dieser statistisch bemessenen, real aber kaum existenten Kaufkraft sind vor allem Geringverdiener*innen und die Mittelschicht. Statistiken bilden eben nicht immer nur die Realität oder komplexe Sachverhalte ab.

Die Seite der Kundschaft

klatschende Hände auf einem Konzert heben sich schwarz vor einem pinken Hintergrund ab

Auch wenn sich die Kaufkraft langsam erholen sollte, sorgen neue Krisen wie der Krieg zwischen den USA und Iran dafür, dass die Konsumbereitschaft weiterhin verhalten bleibt. Allein die Spritpreise sind für Pendler*innen derzeit bereits eine starke finanzielle Mehrbelastung. Das, was vom Gehalt nicht für Fixkosten und das Nötigste abgeht, wird sehr selektiv ausgegeben. Events und Kulturbesuche in Museen oder im Kino sind davon nicht ausgenommen.

Ticketpreise, gerade für Konzerte und Festivals, sind inzwischen ein wichtiger Entscheidungsfaktor für oder gegen den Besuch eines Events, da in der Regel noch Kosten für Verkehr und Verzehr, oft auch für Unterkunft hinzukommen. Aus einem Metal-Konzert, dessen Ticket 65 € kostet, wird mit Sprit, Essen und Trinken schnell ein Posten von 150 € und mehr - Unterkunft oder Merch noch nicht inbegriffen.

In dieser gesamtgesellschaftlichen Stimmung gewinnen hier vor allem die großen Festivals, die mit vielen bekannten Acts die Massen ziehen können, oder bekannte Künstler*innen wie Bruce Springsteen, Taylor Swift und Die Toten Hosen, die ganze Stadien füllen. Die Tickets kosten dann zwar entsprechend mehr, aber das Motto des Kaufverhaltens in diesem Bereich ist derzeit “Lieber einmal 200 Euro für den Mega-Star als dreimal 60 Euro für andere Konzerte”. Zusammen mit den angekündigten Kürzungen im kulturellen Mittelbau entzieht diese Haltung vielen kleinen Veranstaltenden und Veranstaltungen die Grundlage.

Sieht es wirklich so düster aus?

Viele Bereiche der Veranstaltungsbranche kämpfen, um sich halbwegs über Wasser zu halten, und gerade globalpolitisch lässt sich nur schwer abschätzen, wann sich die Lage soweit beruhigt, dass es auch die Eventbranche spürt.

Doch auch wenn es so düster wirkt, es ist nicht zappenduster. Es gibt sogar eine aktuelle Krise, die der Eventbranche zum Vorteil gereichen können. Welche das ist und welche sonstigen Positiven Aspekte derzeit der Veranstaltungsbranche helfen können, zeigen wir im zweiten Teil dieses Beitrags in zwei Wochen.

Mari Hansen

Mari butschert am liebsten in ihren Video Cut und Grafikprogrammen rum oder tobt für pretix über eine Messe, immer auf der Suche nach aktuellen Trends und neuesten Informationen. Sie lebt quasi vor dem Rechner, nach Feierabend wird der Arbeitslaptop gegen den Gaming PC getauscht oder eine Programmiersprache gelernt. Keine Sorge, wenn sie zum Sport geht sieht sie auch mal das Sonnenlicht.

Mehr Blog-Posts lesen

Noch Fragen?
+49 6221 32177-50 Mo-Fr 09:00-17:00 Uhr